Postjournalismus live: Deutschlands vierte Macht ist mausetot

25. Oktober 2009

Es kommt nicht oft vor, dass eine Pressekonferenz mehr über den Zustand der Medien enthüllt, als über den Zustand der Politik. Die Antritts-PK der schwarzgelben Koalition war ein solcher Moment… Als ich mein Projekt Postjournalismus gestartet habe, beschrieb ich das aktuelle Verhältnis von Medien und Demokratie so:

Medien, die die journalistischen Aufgaben ausreichend erfüllen, müssten [...] eine kritische Öffentlichkeit herstellen, einen Diskurs, wie er für jede Demokratie lebensnotwendig ist. Sie müssten vierte Macht sein, ein Gegengewicht zu den ersten drei Mächten. Doch in der Postdemokratie sind sie einfach nur Teil des Systems und haben nicht mehr die Kraft, selbst die gravierendsten Fehlentwicklungen durch journalistische Arbeit zu verhindern.

Eine postjournalistische Medienwelt ist nicht erst dann “erreicht”, wenn der letzte Journalist aufgehört hat, kritische Fragen zu stellen. Sie ist schon viel früher erreicht, nämlich dann, wenn selbst kritische Fragen keinerlei Wirkung mehr haben.

Dass der Fragesteller Holländer ist und keinerlei Unterstützung deutscher JournalistInnen bekam, lässt nur noch einen Befund zu: Die vierte Macht in Deutschland ist mausetot. Alle Super-Top-QualitätsjournalistInnen, die den Kollegen hier allein gelassen haben, sollen sich was schämen. Nein, besser: Sie sollten den Job wechseln. Still und mit gesenktem Haupt.

This is beta 0.2


Journalismus, Popkultur, Qualitätskrise: Es sind die Erbsenzähler, nicht die Technik

4. Oktober 2009

Journalisten-Legende Gay Talese erzählt in diesem Interview für big think, wie hochwertiger Magazin-Journalismus vor einigen Jahrzehnten funktioniert hat: Man hatte viel Zeit und ausreichende Budgets, um diese Zeit auch zu nutzen. Irgendwann begann sich die Situation zu ändern: Talese macht das am Kassettenrecorder fest, der es Journalisten gestattete, nach einer Stunde Interview mit genügend “O-Tönen” ausgestattet zu sein, um einen Artikel zu schreiben. Aber nur in einem Nebensatz erwähnt er, was ich für viel wichtiger halte: Die Herausgeber hatten ein großes Interesse daran, die Kosten für Journalismus zu senken und der Kassettenrecorder bot ihnen die Möglichkeit dazu.

Talese hat über das Showbiz noch journalistisch berichtet: Für sein berühmtes Esquire-Portrait von Frank Sinatra blieb er mehrere Wochen in L.A. und recherchierte auf eigene Faust in Sinatras weiterem Umfeld. Heute ist so etwas schon fast undenkbar – die Spesen für Showbiz-Reportagen und -Interviews übernehmen schon lange jene Konzerne, über deren Produkte dann geschrieben wird. Den Managern der Plattenfirmen ist das lieber, weil sie das Marketing besser steuern können und den Managern der Magazine ist es lieber, weil die Kosten sich auf ein paar hundert Euro Texthonorar beschränken (Fotos werden gratis mitgeliefert). Oft genug gehören ohnehin beide demselben Mutterkonzern an.

Was bleibt, ist Postjournalismus: Ein von PR-Interessen gesteuertes Geschreibsel, das keine kritische Öffentlichkeit herstellt. Der Kassettenrecorder war früher nicht schuld daran, genau so wenig wie das Internet heute. Es sind die Erbsenzähler, die den Journalismus töten.

Aber dort, wo die Erbsenzähler nichts zu sagen haben, gibt es auch keine Qualitätskrise. Ganz im Gegenteil: Wenn ich in letzter Zeit etwas Interessantes über Popkultur gelesen habe, dann war das immer online und meistens nicht kommerziell. Die Texte sind anders: kurz, mit viel weniger Hintergrundinformation, radikal subjektiv und oft ohne einen einzigen O-Ton, weil es gar kein Interview gab.

Die Reportagen von barocker Üppigkeit kommen vermutlich nicht zurück, aber die kritische öffentliche Diskussion schon. Die Möglichkeiten sind enorm: Man kann einfach einen Menschen, der etwas zu sagen hat, vor eine Videokamera setzen und das ganze auf YouTube stellen. Ganz ohne Interview, ohne Q&A und praktisch ohne Kosten. Nicht schlecht, oder?


Falters feines Paradoxon: “Zensur” durch Journalismus

20. August 2009

Im immer heftiger werdenden politischen Streit um die Kontrolle des Internets stellen sich nun einige wenige Journalisten auf die Seite jener, die für Restriktionen und sogar Repression eintreten. Diese Angstbeisserei ist eine unmittelbare Folge des erodierenden Geschäftsmodells, die scharfe Rhetorik erinnert daher nicht zufällig an jene der Musikindustrie.

Den Rest des Beitrags lesen »


Offenster Brief zum dümmsten Text eines Journalisten über das Internet

14. August 2009

Sehr geehrter Herr Chefpublizist Meyer,

mit viel Amüsement habe ich gestern Ihren sensationellen Kommentar über das Internet vom 9.8.2009 gelesen und daraufhin auf twitter folgende Rezension geschrieben:

Bild 1

Den Rest des Beitrags lesen »


Projekt Postjournalismus

10. August 2009

Es ist für mich als Autor und Ex-Journalist ein mulmiges und ziemlich unbefriedigendes Gefühl, dem Journalismus beim Marsch in die Bedeutungslosigkeit zuzuschauen und das, was ich beobachte, nicht klar in Worte fassen zu können. Also werde ich das ändern. Ich starte hiermit das Recherche- und Forschungsprojekt “Postjournalismus” – grundsätzlich ganz alleine für mich, aber wenn es noch jemand anderen interessiert, wäre ich für Unterstützung (etwa Links zu Studien, Artikeln, Argumenten) dankbar. Es wird wohl ein Langzeitprojekt mit niedriger Intensität, also bitte nicht so schnell vergessen!

Den Rest des Beitrags lesen »


Kultur-Flatrate: Bitte keine Gerechtigkeit

29. Juli 2009

Kultur-Flatrate, das würde heißen: Internet-User zahlen einen Fixbetrag und dürfen dafür so viele urheberrechtlich geschützte Werke nutzen, wie sie wollen. Musik, Bücher, Film… all inclusive. Die UrheberInnen werden – ähnlich wie es bei der Leerkassettenabgabe schon geschieht – aus dem dadurch geschaffenen Pool bezahlt. Wäre das gerecht? Kaum. Es wäre besser: es wäre sinnvoll.

Den Rest des Beitrags lesen »


The making of a Bürgermeisterkandidat, 2.0

22. Juli 2009

Anm: Gut, dass hier alles beta ist. Da kann man nämlich auch strukturelle Fehler im Text beheben, wenn man merkt, dass man sich schlecht ausgedrückt hat. Fein, so ein Internet. Den Rest des Beitrags lesen »


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.