Iran, Twitter und dumme Terminals

Die allgemeine Begeisterung darüber, welche Rolle das Social Web plötzlich in der Weltpolitik spielt, ist gewaltig. Bitte, ich bin eh auch schuldig. Das provoziert geradezu ein wenig kritische Reflexion.

Als ich in den Achtzigern programmieren lernte, verwendeten wir in der Schule zwei grundverschiedene Rechnertypen. Da waren einerseits die MS-DOS-Rechner, die wir zunächst „vernetzt“ haben, indem wir mit Disketten von einem zum anderen gingen. LAN gabs erst ab der zweiten Klasse, wenn ich mich richtig erinnere.

Und es gab einen gewaltigen Großrechner des Unterrichtsministeriums, auf dem wir üben durften. Das war so ein Steinzeit-Ding mit Magnetbändern, Festplatten in Kastengröße und einer CPU, die ein eigenes Gehäuse hatte. Das Monstrum brauchte das halbe  Stockwerk, eine eigene Klimaanlage und stets zwei „Operators“, die sich um seinen Betrieb kümmerten.

Wir Schüler saßen im Stockwerk darunter an 30 oder 40 Terminals und schrieben Programme in Assembler, PL/I und COBOL (falls das noch wer kennt). Und jetzt kommt der springenden Punkt: Diese Terminals waren dumm. Sie bestanden aus Monitoren und Tastaturen, aber ihre ganze Funktionalität lag am zentralen Rechner. Alle Schüler gemeinsam durften nur zwei Programme gleichzeitig laufen lassen, also mussten wir sie in eine von zwei Warteschlangen stellen, wo sie abgearbeitet wurden, wenn sie dran waren. Brauchten wir ein bestimmtes Magnetband oder hatten wir sonst einen Sonderwunsch, mussten wir – und jetzt kommt echt der Kracher – zum Telefon in der Ecke gehen, den Operator im Stock über uns anrufen und ihn gaaaanz höflich bitten, für uns doch diesen oder jenen Handgriff zu machen.

Und wehe, eines unserer Programme hatte eine Endlosschleife. Wir hatten nämlich keine Möglichkeit, ein einmal laufenden Programm zu beeinflussen, also konnten wir es nichtmal beenden. Folglich hieß das: Zum Telefon, Operator anrufen, rüden Anschiss anhören, viiielmals entschuldigen. Wir waren diesen Typen ausgeliefert und sie wußten das und genossen es. Ich sags mal so: Kein Zweifel, der Herr Karl wäre in den Achtzigern Operator eines Großrechners geworden.

Kein Wunder, dass wir die PCs liebten, die „intelligenten“ Terminals, die alle Funktionalität uns überließ, wo wir die Kontrolle über alle Daten, Programme und die ganze Peripherie hatten. Worauf ich (eh offensichtlich) hinaus will: Es gibt zwei Grundphilosophien, wie sich Computer vernetzen lassen: Entweder dezentral, mit starken End-Knoten (= Terminals = Computer), auf denen die Programme laufen, die Daten gespeichert sind und die letztlich unter der Kontrolle der User liegen. Oder zentralisiert, mit dummen Terminals.

Der Unterschied ist der von Bittorrent (dezentral, Unkraut vergeht nicht) und Napster (zentralisiert, zur Strecke gebracht).  Und Twitter, nur zum Beispiel, ist sehr zentralisiert. Detto Facebook und YouTube. Ach was, YouTube. ALLE Google-Anwendungen, von Gmail ober Google Maps, Documents bis hin zur Suche selbst, sind zentralisiert. Jeder dieser Dienste, den wir verwenden (und ich verwende inzwischen viele), macht unsere Terminals ein Stück dümmer.

Einfache Regel: Was du in deinem Browser erledigst, erledigst du nicht auf deinem eigenen Rechner. Browser machen unsere Computer dumm. QED: Jetzt, während ich diesen Eintrag in WordPress schreibe, ist mein schickes Notebook nicht mehr als ein Monitor mit Tastatur. Dabei hat es mehr RAM als in den Achtzigern die größten Festplatten hatten…

Es ist noch gar nicht so lange her, da lieferten sich die Computerhersteller einen Aufrüstungs-Wettlauf. Aus Kilobyte-RAM wurden Megabyte, dann Gigabyte. Das Moorsche Gesetz brachte alle 18 Monate eine Verdoppelung der Prozessorgeschwindigkeiten. Und Festplatten wuchsen in Fantasie-Dimensionen. All das war notwendig, weil wir unsere Aufgaben auf unseren eigenen Computern erledigten. Wir hatten starke Terminals, alle Funktionalität bei uns und brauchten die Rechenpower. Doch plötzlich geht der Trend in die Gegenrichtung. Wir verlegen immer mehr Daten online, weil es so schön praktisch ist, von jedem Computer mit Netzzugang Zugriff darauf zu haben. Dafür reicht dann ein dummes Terminal, ein Netbook z.B.

Was ich damit sagen will: Ja, es ist erfreulich, dass es den iranischen Zensoren nicht gelingt, den Zugang zu YouTube und Twitter zu unterbinden. Aber unmöglich ist es nicht. Twitter hat freiwillig Wartungsarbeiten verschoben, um die iranische Kommunikation nicht zu stören. Aber das heißt natürlich, sie könnten auch anders, und zwar mit einem Handgriff. Und irgendwie erinnert mich das wieder an die Abhägingkeit von der Laune der Operators im Stock über mir. Das ist nicht gut.

Ich glaube, es gibt keinen Grund zur exzessiven Paranoia – aber  ein dezentrales Social Network, das als Programm auf meinem Rechner läuft, erscheint mir gerade als gar keine blöde Idee (nein, Skype ist nicht, was ich meine). Und meine Mails lade ich jetzt zur Sicherheit mal wieder runter.

This is beta. (version 1.2)

PS:  Chinas Regierung versucht gerade, ihre Bürger zu zwingen, Zensursoftware auf jedem Computer zu installieren. Wenn das gelingt, nützt ein starkes Terminal natürlich auch wenig. Aber immerhin kann man dann auf jedem einzelnen Computer versuchen, die Überwachung auszutricksen. Auf zentrale Überwachungstechnik hat man keinen Zugriff.

PPS: Das Hauptargument für zentralisierte Netzwerke ist ihre einfache Benutzung. Deshalb ist YouTube, nicht Bittorent, der Hauptkanal für Videos aus dem Iran. Stimmt. Downloader würden auch noch zentralisierte Tauschbören verwenden, wenn sie dürften. Dürfen sie aber nicht.

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