Kultur-Flatrate: Bitte keine Gerechtigkeit

Kultur-Flatrate, das würde heißen: Internet-User zahlen einen Fixbetrag und dürfen dafür so viele urheberrechtlich geschützte Werke nutzen, wie sie wollen. Musik, Bücher, Film… all inclusive. Die UrheberInnen werden – ähnlich wie es bei der Leerkassettenabgabe schon geschieht – aus dem dadurch geschaffenen Pool bezahlt. Wäre das gerecht? Kaum. Es wäre besser: es wäre sinnvoll.


Die deutschen Grünen haben eine interessante Studie zur Machbarkeit der Kulturflatrate veröffentlicht. Darauf haben Vertreter von SchriftstellerInnen, ÜbersetzerInnen und VerlegerInnen ihnen 16 Fragen gestellt. Eine davon hat mein besonderes Interesse geweckt, weil ich sie für geradezu perfid halte. Es ist Nummer 12:

Wie soll verhindert werden, dass es zu Verteilungsungerechtigkeiten kommt, z.B. solche Urheber und Verwerter benachteiligt werden, die mit hohem Zeit- und Kostenaufwand qualitativ besonders hochwertige Werke schaffen? Sollen diese – so, wie sie in der physischen Welt einen höheren Verkaufspreis verlangen können – mehr Geld aus den Einnahmen erhalten als Urheber von Werken, die mit geringerem Aufwand / mit geringerem Anspruch erstellt werden? Wenn ja: Wer definiert, was qualitativ hochwertig und was „Mainstream“ ist? Wenn nein: Welche alternativen Anreize soll es für die Schaffung hochwertiger Werke geben und wer soll deren Finanzierung sicherstellen?

An dieser Frage bzw. diesem Fragenkomplex ist einiges seltsam. Mich reizen sofort ein paar Gegenfragen: Wie bitte wird denn in der „physischen Welt“ sichergestellt, dass höhere Qualität höhere Verkaufspreise ermöglicht? Wer definiert dort, was hochwertig ist? Welche alternativen Anreize gibt es dort? Und wo wird auf dem derzeitigen Musikmarkt (oder Film- oder Buchmarkt, etc.) garantiert, dass höherer Zeit- und Kostenaufwand abgegolten wird? All das sind Probleme, aber sie hängen nicht mit der Flatrate zusammen, wie hier suggeriert wird – wir haben sie jetzt schon.

Rhetorisch besonders geschickt gemacht ist der Einstieg: Wie soll verhindert werden, dass es zu Verteilungsungerechtigkeiten kommt? Klingt gut. Gerechtigkeit ist wichtig. Da kann doch niemand was dagegen haben. Meine StudentInnen bekommen für so einen Einstieg eine 1+. Still und heimlich definieren die Herren Vertreter hier das Kriterium, nach dem die Flatrate zu bemessen ist und fragen gar nicht: Soll so eine Flatrate überhaupt Gerechtigkeit schaffen?

Ich (als österreichischer Autor von dem Triumvirat eh nicht vertreten) würde auf diese Frage z.B. antworten: Vergesst das. Ich will keine Gerechtigkeit. Ich will vernünftige Arbeitsbedingungen.

Nicht, dass Gerechtigkeit schlecht wäre oder nicht wünschenswert. Keine Frage. Wie gesagt, niemand kann etwas gegen Gerechtigkeit haben. Aber das Problem mit ihr ist, dass sie für jeden anders aussieht. Meine Gerechtigkeit ist nicht deine ist nicht seine ist nicht ihre. Der politisch-mediale Komplex kann Millionen Stunden über eine gerechte Entlohnung von Kreativen diskutieren ohne zu einem Ergebnis zu kommen, außer einem: die Flatrate liegt derweil auf Eis. Und genau das scheint mir das Ziel dieser Frage zu sein.

Gerechtigkeit ist in der Kulturfinanzierung unerreichbar. Das liegt daran, dass sich Kultur nicht objektivieren lässt. Und es liegt daran, dass es viel mehr Menschen gibt, die von kreativer Arbeit leben wollen, als Geld zu verteilen ist. Egal wie hoch eine solche Flatrate wäre, sie wäre zu niedrig, um alle zufriedenzustellen. Irgend jemand wird immer schreien: Ungerecht! Wahrscheinlich sogar alle. Klar sollte eine Lösung nicht exzessiv ungerecht sein und schon gar nicht bewusst ungerecht sein, aber das ist eine ganz andere Messlatte.

Wenn Gerechtigkeit nun gar kein realistisches Ziel einer Flatrate (und damit eines zeitgemäßen Urheberrechts) sein kann, was dann? Als Autor, also als Urheber, sehe ich das so: Es gibt kein natürliches, kein angeborerenes, kein moralisches, kein religiöses Recht darauf, dass die Gesellschaft Gesetze erlässt, die meine Werke schützen. Aber sie sollte es tun, weil es vernünftig ist. Nicht nur für mich, sondern auch für die Gesellschaft.

Erst ein Schutz und damit Verwertungrechte erlauben mir von meinen Werken zu leben und damit letztlich, sie herzustellen. Ohne dieses Einkommen sinkt meine Produktivität dramatisch. Okay, dieser Einzelfall mag für die Gesellschaft zu verschmerzen sein (leider!). Aber die Produktivität von Millionen Kreativen liefert der Gesellschaft einen Gegenwert für die Rechte, die sie uns zugesteht. Und diesen Gegenwert sollte sie maximieren. Das fördert die Bildung und den öffentlichen Diskurs und die Demokratie und und und. Also, Gesellschaft, kümmere dich um deine Interessen! Aber was sind die?

Meine These lautet: Ein Urheberrecht dient den Interessen der Gesellschaft, wenn es folgende Bedingungen erfüllt:

1. Möglichst viele Menschen sollen Zugang zu möglichst vielen und möglichst vielfältigen Inhalten haben.


2. Solche Inhalte müssen zuvor erstellt werden, daher müssen die ökonomischen Grundlagen für eine entsprechende Kreativität, Produktivität und Vielfalt geschaffen werden,

Gerechtigkeit kommt in diesen Grundbedingungen nicht explizit vor. Ich glaube aber, dass sie ein durchaus ausgewogen gerechtes System fördern könnten. Klar ist, dass das gleichzeitige Berücksichtigen beider Bedingungen ein ständiges Abwägen erfordert und nicht perfekt zu lösen ist. Interessen von Kreativen und Usern widersprechen sich eben ständig.

Die heutigen Rahmenbedingungen für Kreative (und NutzerInnen) erfüllen diese Bedingungen ganz sicher nicht. Das Urheberrecht ist nur ein Teil des Problems, weiten wir die Diskussion also aus. Auch Verwertungsgesellschaften, Vertriebs- und Marketingstrukturen, Sortimentpolitik usw. usw. usw. sind nicht auf eine Belebung und Öffnung der Kultur hin ausgerichtet, sondern auf den Profit der Industrie.

Diese Problemzonen existieren unabhängig vom Internet und der technologischen Entwicklung. Die Anzahl von Freunden, die in Bands gerockt haben und in den letzten zehn Jahren ihre Leidenschaft zurückschrauben mussten, weil sie Kinder ernähren müssen und das derzeitige Musik-Regime genau das ihnen nicht erlaubt, ist Legion. Wer fragt hier nach der Gerechtigkeit? Ähnlich sieht es bei AutorInnen und bei FilmemacherInnen aus. Und schön langsam sogar bei JournalistInnen. Das Internet zerschmettert dieses einbetonierte System nun und das ist eine Chance. Die Flatrate ist eine Möglichkeit, Geld so zu verteilen, dass es Vielfalt generiert. Es wäre natürlich keine objektiviert perfekt gerechte Vielfalt, aber mehr Vielfalt als jetzt, wo wir eine Monokultur aus Lady Gaga und Dan Brown fördern. Wie haben Adorno/Horkheimer richtig gesagt: Alle Massenkultur unterm Monopol ist identisch.

Und das ist die größte Ungerechtigkeit von allen.

This is beta, v1.1

5 Antworten zu Kultur-Flatrate: Bitte keine Gerechtigkeit

  1. Spielor sagt:

    Endlich mal ein Blog, der mich interessiert.🙂

    Gruß, http://www.spielor.wordpress.com

  2. stoertebeker sagt:

    Ich bezweifle ja, dass es so einfach ist.
    Internet-User (über kurz oder lang ist das Jeder) zahlen nicht nur diesen einen Fixbetrag. Es gibt auch noch die Gesundheits-, die Renten-, die Sozialversicherungs-, die Steuer- und eigentlich auch die Miet-, Strom- und Heizflatrate etc.
    Bei all diesen Flatrates kann man sich nicht aussuchen ob man sie zahlt oder nicht. Es sind mehr oder weniger Zwangsabgaben und die Frage der Gerechtigkeit stellt sich für den Empfänger/Konsumenten/Verbraucher sehr wohl. Und so landen wir unweigerlich bei hochkomplexen Umverteilungssystemen.

    Wenn man das hier beschriebene Argument für die Flatrate (vernünftige Arbeitsbedingungen statt Gerechtigkeit) zu Ende denkt, und dem Bürger gestattet es mal von seiner Warte aus zu betrachten, dann landen wir bei der vernünftige-Lebensbedingungen-Flatrate auch bedingungsloses Grundeinkommen genannt. Ich habe keine Ahnung ob das klappen würde oder wünschenswert wäre, aber im Grunde ist das die letzte logische Konsequenz aus der Vielzahl jener Umverteilungsysteme, denen sich niemand entziehen kann.

  3. joschi sagt:

    Hi, schicker Artikel, vielen Dank!

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