Projekt Postjournalismus

Es ist für mich als Autor und Ex-Journalist ein mulmiges und ziemlich unbefriedigendes Gefühl, dem Journalismus beim Marsch in die Bedeutungslosigkeit zuzuschauen und das, was ich beobachte, nicht klar in Worte fassen zu können. Also werde ich das ändern. Ich starte hiermit das Recherche- und Forschungsprojekt „Postjournalismus“ – grundsätzlich ganz alleine für mich, aber wenn es noch jemand anderen interessiert, wäre ich für Unterstützung (etwa Links zu Studien, Artikeln, Argumenten) dankbar. Es wird wohl ein Langzeitprojekt mit niedriger Intensität, also bitte nicht so schnell vergessen!

Worum es geht
Untersuchungsgegenstand sind alle Aspekte einer Medienwelt, die die Kernaufgaben des Journalismus nicht mehr ausreichend wahrnimmt:

„Durch den Dschungel der irdischen Verhältnisse eine Schneise der Information zu schlagen – und den Inhabern der Macht auf die Finger zu sehen.“ (Schneider und Raue, 2006)

Natürlich gibt es immer noch guten Journalismus, das will ich gar nicht abstreiten. Wie komme ich also zur Behauptung, die Medien würden den journalistischen Aufgaben nicht mehr ausreichend nachkommen? Und was wäre ausreichend?

Mein Ausgangspunkt: Ich teile Colin Crouchs Einschätzung, dass die westlichen politischen Systeme sich in eine Phase der Postdemokratie entwickeln.

Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen die sogar dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem aber konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, das sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. (Crouch 2008)

Medien, die die journalistischen Aufgaben ausreichend erfüllen, müssten dieser Entwicklung entgegen wirken können. Sie müssten eine kritische Öffentlichkeit herstellen, einen Diskurs, wie er für jede Demokratie lebensnotwendig ist. Sie müssten vierte Macht sein, ein Gegengewicht zu den ersten drei Mächten. Doch in der Postdemokratie sind sie einfach nur Teil des Systems und haben nicht mehr die Kraft, selbst die gravierendsten Fehlentwicklungen durch journalistische Arbeit zu verhindern. Der große internationale Wendepunkt, so man einen solchen definieren will, ist da wohl die offensichtlich manipulierte erste Wahl von George W. Bush zum US-Präsidenten.

Postjournalismus
Der Politikwissenschaftler Crouch widmet sich in seinem Buch dem Wandel des politischen Systems. Doch obwohl er in oben stehender Definition der Postdemokratie um Begriffe wie „PR-Experten“, „öffentliche Debatte“ und „Signale“ kreist, enthält seine Arbeit nur Ansätze einer Analyse des Mediensystems einer Postdemokratie. Und genau das interessiert mich. Deswegen steht dieses Projekt unter dem Arbeitstitel „Postjournalismus“. Nochmal Crouch:

Es lohnt sich an dieser Stelle, kurz allgemein auf Zeitdiagnosen einzugehen, die auf die Vorsilbe „post“ zurückgreifen. Wir gehen oft recht sorglos mit Begriffen wie „postindustriell“, „postmodern“, „postliberal“ oder „postironisch“ um. Dabei hat die Vorsilbe eigentlich eine sehr präzise Bedeutung. […] Ein Gegenstand, dem die Silbe „post“ vorangestellt wird, kann sich historisch in Form einer Parabel entwickeln. Wovon dabei konkret die Rede ist (ob von der Moderne, der Industriegesellschaft etc.), ist dabei nicht wichtig, wir können also vorläufig ganz abstrakt von post-X sprechen. Logisch kann man nun zwischen drei Phasen unterscheiden: dem Zeitraum 1 bzw. „prä-X“, der dadurch gekennzeichnet ist, dass einige Merkmale fehlen, die man gewöhnlich mit X assoziiert. In Zeitraum 2 erlebt X seine/ihre historische Blüte, alle möglichen Bereiche werden von X beeinflusst, sie entwickeln sich von ihrem Zustand in Zeitraum 1 weg. Zeitraum 3 schließlich kann man als „post-X“ charakterisieren: Etwas Neues ist in Erscheinung getreten, die Bedeutung von X lässt nach, das Neue geht in einem gewissen Sinn über X hinaus. Solche „Post“-Perioden sind sehr komplex (wem das eben Gesagte zu abstrakt vorkommt, wird sehen, dass es sehr konkret wird, sobald man X jeweils durch „industriell“ oder „Industriegesellschaft“ ersetzt): In einigen Bereichen der Gesellschaft wird es nun vollkommen anders aussehen als in den Zeiträumen 1 und 2; X wird die Gesellschaft allerdings tief geprägt haben, man wird überall Spuren von X wahrnehmen; und schließlich werden sich einige Bereiche wieder dem Zustand angenähert haben, der typisch war für Phase 1.

Media-Megatrends
Erstes Ziel ist es, eine Reihe von parallelen Entwicklungen zu analysieren, die aus meiner Sicht den Übergang von Phase 2 zur Phase 3, von journalistisch geprägten Massenmedien hin zur postjournalistischen Medienwelt, prägen. Eine lockere, unvollständige Aufzählung:

– die Boulevardisierung der Redaktionen, Infotainment als journalistische Normalform
– die steigende Macht von Anzeigenabteilungen und Geschäftsführungen gegenüber den Redakteuren
– das Wegbrechen klassischer Geschäftsmodelle durch das Internet
– die zunehmende Grenzverwischung zwischen PR und Journalismus
– die zunehmende Professionalisierung der politischen PR von Parteien und Lobbys
– die Konzentration der klassischen Massenmedien in wenigen Konzernen
etc, etc, etc.

Selbstversuch
Letzter Punkt für heute: Was ist das Ziel einer solchen Arbeit? Weder den Journalismus zu retten noch eine Vorhersage über die Zukunft der Medienwelt zu treffen. Mir geht es um Praktischeres: Wie gehe ich als Medienkonsument und als Demokrat mit dieser Entwicklung um? Wie als Lehrbeauftragter für politische PR? Und wie als Kommunikationsberater?

Heute in einer Woche übernehme ich einen neuen Auftrag. Von dann weg werde ich mit meiner Firma die Grünen meines Heimatbundeslandes (Burgenland) durch den Landtagswahlkampf 2010 begleiten, schon zum zweiten Mal übrigens. Das Letzte was ich dabei will, ist jene zynische Job Description erfüllen, die Colin Crouch uns „PR-Experten“ in einer Postdemokratie zuschreibt. Es wird ein spannender Selbstversuch. rss

This is beta, v1.1

Colin Crouch: Post-Democracy, Oxford 2004, deutsch: Postdemokratie, Suhrkamp 2008.
Wolf Schneider, Paul-Josef Raue: Das neue Handbuch des Journalismus, Reinbek 2006.

Tipps und Fundstücke bitte an michel@reimon.net

8 Antworten zu Projekt Postjournalismus

  1. […] Suche nach der Antwort auf die Frage “Was ist hier eigentlich los?” hat mich der Beta Thoughts Blog auf  “Postdemokratie” von Colin Crouch aufmerksam gemacht. Darin greift der britische […]

  2. Edith Meissner sagt:

    Vielen Dank für diese interessanten Gedanken, die auch mich auf der „anderen Seite des Schreibtisches“ in der Unternehmenskommunikation sehr beschäftigen. Ich denke, wir alle in dieser Branche müssen ein solches „Langzeitprojekt niedriger Intensität“ starten, um zu einer Neubestimmung des Umganges mit den (neuen) Medien und des gesellschaftlichen Diskurses kommen. Das, was jetzt auf uns zukommt,durch neue Technologien und neue globale politische Konstellationen, muss sozusagen erst einmal durch den „Spamfilter“, um wieder auf ein den Menschen dienliches Niveau zu kommen. Hier sollten doch alle Journalisten, seiende und gewesene, mitwirken, oder?

  3. […] Andersons “Freemium” und das, was Verlage daraus möglicherweise machen – sowie das Postjournalismus-Posting von Michel Reimon. Gestern nun auf dem Rennrad haben sich wie von selbst die Gedanken zusammengefügt, und ich bin […]

  4. […] mich zwei Ideen zur Zukunft des Journalismus ernsthaft beschäftigt. Das eine ist so etwas wie eine Forschungsidee von Publizist und Kommunikationsberater Michel Reimon, der vom „Projekt Postjo…. Das andere ist eine Idee von Falk Lüke (dessen Beruf sich schwer in zwei knackige Worte fassen […]

  5. Wittkewitz sagt:

    Oder man fasst das Ganze profunder an. Postinformation. Oder nach anthropologischer: Ist es eine bessere Entscheidungsgrundlage oder ein Wissenzuwachs, wenn man neue Sätze in alte Horizonte einbindet.

  6. […] 2. Projekt Postjournalismus (betathoughts.wordpress.com, Michel Reimon) Angelehnt an das Buch “Postdemokratie” von Colin Crouch startet Michel Reimon “das Recherche- und Forschungsprojekt ‘Postjournalismus’”, ein “Langzeitprojekt mit niedriger Intensität”. […]

  7. Ich finde die Idee und den Begriff sehr wichtig! Danke für den Hinweis auf Crouch! Bei dem Projekt sollten wir oder unsere Studenten an der FH Joanneum mitmachen – wobei ich, weil jetzt schon overcommited, nicht viel versprechen kann. Wobei man es m.E Ansicht nach herunterbrechen oder ein wirklich internationales Netzwerk bilden muss. Fast alle interessanten Websites zum Journalismus beschäftigen sich ja inzwischen irgendwie mit diesem Thema.

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